Zorn auf den Hass - und auf die Tignanello-und-Sonstwas-Verächter

Bevor ich auf Touren komme, zuerst mal eine Rückschau. Auf die letzte Hasskolumne, die gegen die Steakfresser. So viel Zustimmung war selten. Aber wehe ich erwische irgendwelche Zustimmer im Grill Royal beim Reinmampfen eines 250-g-Simmenthal-Steaks. Dann setzt es was – ihr bigotte Bagage da draußen. Denkt ja nicht, dass ich nicht weiß, dass ihr für alles zwei Meinungen habt.

Das ist mir nämlich auf dieser Verbalfäkalienschleuder Facebook aufgefallen, auf der sich die Menschen mehr und mehr weniger einkriegen. Gut so! So merkt man wenigstens, dass die schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen werden. Das Volk ist nicht nur doof, es ist auch widerlich.

Steht mir überhaupt zu, vom Volk zu sprechen? Muss man da nicht differenzieren? Weil Differenzieren die neue Religion der Feiglinge ist? Quatsch! Klar darf ich vom Volk sprechen, dessen einzelne Individuen offenbar bereits an der Abschaffung ihrer Individualität arbeiten. Weil jetzt wieder Zeiten kommen, in welchen das Kollektiv zählt. Und das Kollektiv schreit nach kollektiver Meinung.

Wer die nicht hat, wird niedergebrüllt. Ich würde gerne vorm Volk vom Volk sprechen und den meinungselastischen Kretins die Leviten lesen. Aber diese Freude macht man mir nicht. Dann mach ich’s halt auf Facebook. Oder gar nicht. Hab ja noch was zu tun. Was denn eigentlich? Stimmt: Hasskolumne schreiben.

Doch bringt’s das? Das, was in diesen Zeiten gerade noch fehlt, ist eine weitere Hasskolumne. Früher war das ja noch sportlich. Zu hassen. Und es gab eigentlich viel weniger Grund dazu, denn die Vollverblödung war noch nicht so durchgereicht wie dieser Tage. Aber wenn ich jetzt hier, Anfang Februar, um zwei Uhr früh, eine Hasskolumne schreibe – so eine, wie die gegen die Steakfresser in der ersten Ausgabe –, so widert mich das Bild an, das mich einst noch kräftigte.

Ich bin mir im Hassen unerträglich geworden. Denn ich kann mich gut sehen, von außen, kann einen Endfünfziger erkennen, der Glück hat, seine Dinge noch irgendwie zusammenzukriegen, und kann ihn wüten und toben sehen, wie er in die Tastatur seines alten und von Hasskolumnen terrorisierten Mac- Books hämmert. Was für eine lächerliche Figur. Nein, das lassen wir lieber sein.

Da draußen, hinter diesem aufgeklappten MacBook, hassen schon zu viele Menschen. Auch Menschen, die durchaus recht haben, mit dem, was sie sagen. Der Hass hat ihre Wut ersetzt, die schon den Zorn ablöste. Und der Zorn, das intellektuellste Gefühl des inneren Aufruhrs, sollte uns erhalten bleiben. Den Zorn sollten wir pflegen, denn wir haben jetzt schon Grund genug, zornig zu sein.

Achtung: Ich meine uns Weintrinker. Denn wir Weintrinker stehen auf der Liste der Genussverbieter, die sich bereit machen, auch den Alkohol zum Rauchen zu machen. Mit dem Google-Auto wird dann noch das Autofahren sterbefrei – in dieser Welt möchte ich nicht leben. Der Weintrinker ist 2022 der Raucher von 2005.

Das war’s dann also mit der Hasskolumne, so sehr Ihnen die Steakfresser gefallen haben. Mehr kommt nicht. Das hat auch den ganz einfachen Grund, dass eine Hasskolumne immer von der Sprachgewalt des hassenden Autors lebt. Und selten vom Thema selbst. Und ehrlich: Ist das nicht dumme, eitle Scheiße? Wem soll das dienen? Außer dem billigen Lachen.

Wen wollte ich eigentlich diesmal hassen? Ach ja, die Tignanello-Hasser, jene Menschen, die immer nur die individuellsten Weine trinken, weil das indivi- duelle Weintrinken sie von Normalweintrinker-Kretins (wie mir – ehrlich!) unterscheidet. Diese Kolumne wäre ungefähr so lang geworden, wie das bislang Geschriebene. Aber lässt man den Hass weg, dann schreibt man sie so:

Liebe Tignanello-und-Sonstwas-Verächter, die ihr euch für etwas Besonderes haltet, weil ihr jede Art Mainstream lautstark nicht mitmacht; liebe Tignanello-und-Sonstwas-Verächter, ich möchte euch sagen, dass nicht das Weintrinken individuell und besonders macht, sondern das Weinmachen.

Soll heißen: Nicht ihr seid die zu Bewundernden und auch euer Konsumverhalten beinhaltet nichts Wegweisendes, das Respekt abverlangt; es sind vielmehr die individuellen Winzer, die individuelle Weine machen. Und nur sie verdienen Aufmerksamkeit und Respekt.

Ihr seid nur Staffage, Groupies, die man lächelnd zur Kenntnis nimmt. Spätnachts dann, wenn ihr Tignanello-und- Sonstwas-Verächter in euren Parkettbodenzimmerbettchen liegt, dann öffnen die von euch adorierten Winzer gerne mal eine Flasche Tignanello. Und zwar mit wem? Richtig! Mit mir.
Na, geht ja auch so. Und aus!

Dieser Artikel ist in der zweiten Schluck Ausgabe "NATURWEIN" erschienen. Die Ausgabe kann -> hier bestellt werden

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Über den Autor
Manfred Klimek

Manfred Klimek

Dr. Jekyll & Mr Hyde. Genie und Wahnsinn in Personalunion.
Ehemaliger Chefredakteur von Schluck.
Der Wiener Manfred Klimek ist Fotograf sowie Autor. Seine Artikel und Kolumnen erschienen bei Die Welt am Sonntag, DIE ZEIT, profil, Brand Eins, VICE und ganz vielen weiteren Medien.

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