Was die Paten taten

Deutschlands Weinbau neuer Zeitrechnung entstand aus der Überwindung der Ermüdung. Für ihn sind ein paar Winzer verantwortlich, die vorne waren, ohne sich vorzudrängen. Wer waren sie? Was ist ihr Werk? Was machen sie heute? Ein Auszug, vier Menschen, vier Beispiele, vier Kapitel.

Der Pate I

BERND PHILIPPI

Er ist der Mann, der auf Zeit spielt und auf Zeit spielen kann. Bernd Philippi ist eine der großen Persönlichkeiten des deutschen Weinbaus. Dieser Satz ist wahrscheinlich so oft geschrieben worden – vor allem zwischen 1995 und 2005 – bis ihn niemand mehr hören konnte. Der Bedachte fand sich ausgeliefert, zu viel des Guten. Seine Ära endete 2012.

Bernd Philippi kam 1986 zu Koehler-Ruprecht nach Kallstadt, enterte einen alten pfälzischen Weinbetrieb, der gerne ein paar Flaschen mehr füllte. Philippi ahnte die kommenden Zeiten sehr gut; ein Jahr zuvor waren der deutsche und der österreichische Weinbau vom sogenannten Glykol-Skandal erschüttert worden – mancherorts blieb nach diesem Erdbeben kein Stein auf dem anderen. Philippi trimmte die Ruprecht-Rieslinge auf langes Leben, erst recht die Spätburgunder aus der Lage Saumagen, die viele Jahre lang die bekanntesten – und sich mit nur wenigen anderen deutschen Spätburgundern abwechselnd – die besten Rotweine Deutschlands waren.

Doch Philippi war das Pfälzer Leben immer zu wenig und er wurde einer der ersten Flying Winemakers Deutschlands, Teil einer zuerst bewunderten, in der Gegenwart aber belächelten Önologengattung. Philippi machte Wein in Neuseeland, Südafrika und Portugal. Das war sehr viel auf einmal. Und das über viele Jahre.

Weinkritiker stehen den heutigen Weinen Koehler-Rupprechts oft mit einer Basisskepsis gegenüber, die nicht angemessen erscheint.

Vor allem, wenn man das Lebenswerk Philippis betrachtet. In den jetzigen Hypes hat er kein Zuhause, doch die Hypes greifen Teile seiner Hinterlassenschaft auf. In der steht, dass es notwendig ist, großen Weinen auch viele Jahre zum Reifen zu geben. Viel mehr Jahre, als man abwarten will. Philippi brachte auch das Holzfass – klein, groß und besser etwas älter – wieder zu jener bodenstän- digen Betrachtung, die es braucht. Nicht als Geschmacksgeber, sondern als Langstreckentrainer sollt ihr sie gebrauchen! Hört, hört. Haben leider wenige gehört.

Der Pate II

HANS-GÜNTER SCHWARZ

Hans-Günter Schwarz verdanken wir die Weingüter Von Winning, Bassermann-Jordan und Reichsrat von Buhl, alle in Deidesheim und alle im Besitz der Niederberger-Gruppe, deren verstorbener Vorstand Achim Niederberger, eine Riesenlust auf Weinbau bekam, als er Hans-Günter Schwarz beim Weinmachen zuschaute.

Das tat der zu dieser Zeit im letzten Jahr beim Weingut Müller-Catoir, doch er kümmerte sich auch um die paar Weinstöcke, die Niederberger im Jahr 2000 um sein Haus herum in Besitz hatte. Hans-Günter Schwarz hat mit seinem Wirken richtig viel bewirkt. Und das, ohne es zu wollen.

Müller-Catoir war immer ein großer Name, das Weingut hat eines der schönsten, traditionellen Etiketten der Welt und ein paar ganz wunderbare Lagen. Die Lagenrieslinge zwischen 1981 und 2001, als Schwarz bei Müller-Catoir tätig war, sind - wie die Weine Bernd Philippis - richtige Langstreckenläufer. Schwarz hatte aber seinen besonderen Blick auf Rieslaner gerichtet, eine immer noch weithin unbekannte Sorte, dann auf Weißburgunder, der von ihm eine Lagerfähigkeit bekam, die weltweit wahrscheinlich einzigartig ist und zuletzt auf Spätlesen und Auslesen aller Art. Der einfache Gutswein - mit Verlaub – war für Schwarz wohl eine Belästigung, der man zwar die notwendige Zeit geben musste, der aber nicht mehr als diese notwendige Zeit bekamen. Ruck-Zuck war trotzdem nie.

Mit seinen edelsüßen Rieslanern hat Schwarz auch eine Lage berühmt gemacht: die Mußbacher Eselshaut. Die Kombination Rieslaner und Eselshaut ist heute der wohl nachgefragteste Süßwein Deutschlands. Aber nur jene aus der Zeit, als Schwarz das Sagen hatte.

Diese Weine haben eine Dichte mit gleichzeitiger Eleganz, wie man sie selbst bei sehr guten Weine aus dem Sauternes kaum findet.

Ein unentdeckter Schatz deutscher Weinkultur. Doch die meisten Flaschen sind ausgetrunken. Und Müller-Catoir wurde nicht mehr, was es einmal war. Das eigentliche Werk dieses Instinktgenies verweht.

Der Pate III

REINHARD LÖWENSTEIN

Reinhard Löwenstein ist der Hippie unter den Winzerpersönlichkeiten, die die Neunzigerjahre und Teile der Nullerjahre prägten. Löwenstein ist Rieslingfanatiker und besitzt ein nach ihm benanntes Weingut in Winningen an der Mosel, genauer an der Terrassenmosel, unten bei Koblenz. Das ist der nicht ganz so prachtromantische Teil, aber auch von hier kommen gigantische Weine, meist von gigantisch guten Steillagen wie die Uhlen.

Und Reinhard Löwenstein ist Marxist. Muss man annehmen. Auf jeden Fall holt er, wenn er über Wein spricht, gerne zu ganzen Reden aus, die basisideologisch, richtungsweisend, kritisch (mitunter auch selbstkritisch), appellierend und sarkastisch sein können. Auf jeden Fall wird man unterhalten. Manchmal weiß man nachher mehr. Löwenstein gilt als intellektueller Weinmacher, einer jener Vordenker, die man fast nur unter den Quereinsteigern findet.

Doch Reden schwingen kann bald einer, Löwenstein legte das Tun nach und war konsequent, ist über dreißig Jahre konse- quent geblieben. Er verlachte früh den Maschinenpark anderer Winzer an der Mosel und experimentierte mit der Spontanver- gärung, als das die meisten der ihn umgebenden Kollegen für eine Spinnerei hielten, die sich bald legen werde. Als andere Weine aus Winningen am Markt verteilt und teilweise schon ausgetrunken waren, da kam manch einer seiner Rieslinge beim Gären erst zu Ende.

Löwensteins Kreationen waren vor fünfzehn Jahren so seltsam anders, dass sie nur Fans und Feinde hatten.

Lange Maischestandzeiten und oxidativer Ausbau sind auch heute nicht jedermanns Sache, doch Spontanvergärung gepaart mit ausgeprägtem Terroir – das bei Löwenstein immer mehr als bloß Schiefer bedeutete – kennzeichnen immer mehr Weine an der Mosel – etwa jene von Stefan Steinmetz. Der Avantgardist Löwenstein hat seine Avantgarde also zum Mainstream gemacht – auch weil er jeden niedergequasselt hat.

Eine Schublade? In die kann man andere Winzer stecken. Bio findet Löwenstein veraltet, zumindest das Bio, das man derzeit im Weinbau predigt. Und zum Terroir gehört seiner Ansicht nach auch die Gesundheit des Winzers. Nach vielen Jahren Durchbeißen und verglichen erst kurzen Jahren des Erfolgs, übergibt der intellektuelle Traditionswinzer sein Weingut Stück für Stück an seine Tochter Sarah. Die Betriebsleiterin ist ebenfalls weiblich – was kann man von einem aufrechten Revoluzzer mehr erwarten?

Der Pate IV

WILHEM WEIL

Sind die drei vorher erwähnten Paten des modernen deutschen Weinbaus entweder pensioniert oder auf langem Abschied, so ist der vierte, der jüngste, immer noch aktiv. Und auch noch in den besten Jahren, in welchen man Pläne für zwanzig und mehr Jahre ma- chen kann – in der relativen Gewissheit, das Aufgehen oder Scheitern auch zu erleben. Wilhelm Weil leitet seit 1987 (da war er 25 Jahre alt) das bekannteste Weingut des Rheingaus Robert Weil, das ist das mit dem blauen Etikett, das den in besseren Schichten meistgetrunkenen Gutsriesling des Landes keltert.

Doch Wilhelm Weil erlebte und durchlitt auch die mehr als zehn Jahre dauernde Niedergangs – und Wiederaufstiegsphase des Rheingau, wo man nach den Skandalen der Achtzigerjahre erstaunlich schnell das Richtige tat, um danach in der Belanglosigkeit zu versinken. Das war jene Zeit, als spannende rheingauer Winzer einen Namen hatten: Hans Josef Becker, der gut zu den Paten passt, aber eigentlich ein eigenes Kapitel ist (dazu ein anderes Mal mehr).

Wilhelm Weil jedenfalls hatte seinen Gutsriesling, der eine sichere Bank war, als er sein Weingut Schritt für Schritt für Schritt in die Moderne führte – immer auch irgendwie den Weg vor Augen. Aber nie so ganz.

Weil wartete ab wohin die anderen driften, wie sich die Weinkritiker verhalten und was der Konsument dazu sagt.

Als die Richtung klar war, waren die Weine des Weinguts längst auf der Schiene, die ins Morgen führt – mehr Stoff, mehr Eleganz, mehr Individualität, mehr gerne auch eine kleine Verstörung zwischendurch.
Von Wilhelm Weil lernen heißt abwarten und siegen lernen. Dass aus seiner Schule auch der goscherte und journalistisch megabegabte Spitzenweinmacher Dirk Würtz kommt, ist nur ein Detail am Rande. Würtz macht ́s nicht anders als Weil: abwarten und zuschlagen. Und dann vorne sein. Weil nur vorne sein geht.

Autor: Manfred Klimek, Illustration: Ieva Šližiūtė

Dieser Artikel ist in der zweiten Schluck Ausgabe "NATURWEIN" erschienen. Die Ausgabe kann -> hier bestellt werden

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Über den Autor
Manfred Klimek

Manfred Klimek

Dr. Jekyll & Mr Hyde. Genie und Wahnsinn in Personalunion.
Ehemaliger Chefredakteur von Schluck.
Der Wiener Manfred Klimek ist Fotograf sowie Autor. Seine Artikel und Kolumnen erschienen bei Die Welt am Sonntag, DIE ZEIT, profil, Brand Eins, VICE und ganz vielen weiteren Medien.

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