10.000 Jahre Alkohol (mindestens)

Eine kurze und völlig unvollständige Geschichte über die ebenso kurze und unbefriediegende Geschichte des Alkohols als Medizin. Lesen Sie diesen Text, wenn Sie sich krank fühlen. Er kann nicht schaden

Von Vanessa Gürtler, Illustration Ekaterina Koroleva

Es begann rund um 8000 v. Chr. Einer unserer mutigen Vor-Vorfahren war durstig. Also trank er Regenwasser, das sich in einem Baumstumpf gesammelt hatte. Das Wasser war mit Honig vermischt und gärte durch die Sonneneinstrahlung. Der gute Jäger bekam einen ordentlichen Schwips und wollte dieses Gefühl nie wieder missen. So, die Legende. Wer diese Legende aufgeschrieben hat? Irgendjemand ein paar tausend Jahre später. Es ist also anzunehmen, dass der Aufschreiber der Besoffene war und sich auf ein Ritual aus der Vergangeheit ausreden wollte.

Alkohol entsteht auf natürlichem Wege. Fruchtzucker oder Honig fermentiert durch Wärmeeinwirkung zu Alkohol. Es ist erstaunlich, wie wenige Leute das wissen.

Auch die Tiere, vom Meerschwein bis zur Bestie, kennen Alkohol. Selbst manche Insekten. Eine Filmdokumentation aus den 1970ern zeigt afrikanische Tiere, die süsse, vollreife Früchte naschen, die bereits zu gären begonnen haben und durch die paar Alkohol-Prozente völlig betrunken herumtorkeln. Ein Volksfest der Tiere. Man sieht eine Giraffe, die ihren langen Hals nicht mehr beherrscht, einen Elefanten, der einfach umfällt und einen Schimpansen, der sich Tags darauf den Kopf hält, verkatert zu Boden sieht und aussieht, als würde er sich fragen: Warum habe ich das getan? Warum lerne ich nichts dazu? Kommt Ihnen irgendwie bekannt vor?

Durch das Sesshaft werden fing der Mensch an, mehr zu trinken. Mehr Alkohol zu trinken. Landwirtschaft und Ackerbau machten Früchte und Getreide verfügbar, der Mensch lernte rasch, dieses Zeug zu Alkohol umzuwandeln. Früher oder später kamen alle Kulturen in den Genuss von Alkohol. Man betrachtete ihn als Geschenk der Götter. Nicht zufällig waren es oft religiöse Stätten, wie Klöster, die Alkohol produzierten. Kann man bereits im Gilgamesch-Epos nachlesen. Einige Religionen verabschiedenten sich aber sehr früh von Alkohol. Die Bekanntste dieser Religionen ist der Islam.

Saufen ist gesund (bitte nicht ernst nehmen)

Aktuelle Untersuchungen gehen davon aus, dass ein gesunder, erwachsener Mann rund 25g Reinalkohol pro Tag trinken darf. Das ist ungefähr ein Viertel Wein (0,25 l) oder ein halber Liter Bier. Also nichts!

Bei Frauen wird dieses Nichts noch um 25% gekürzt. Also zwei Flaschen (0,75 l) pro Woche in etwa. Dann kann Wein durchaus gesundheitsfördernd sein. Dabei geht aber die Weinindustrie pleite. Und erst recht die guten Winzer.

Viele Wirkstoffe des Weins sind bereits bekannt, wie das Resveratrol im Rotwein, das sich positiv auf einige Organe auswirkt und sie langsamer altern lässt, Polyphenole, die gefässerweiternd und als Antioxydantien wirken, während Weisswein das gesunde HDL-Cholesterin fördert, das sich positiv auf Herz- und Kreislauf auswirkt. Vereinfacht gesagt. Draufgekommen ist man deswegen, weil die Weltgesundheitsorganisation vor ca. dreissig Jahren bemerkt hat, das in der Stadt Bordeaux kaum Menschen an Herzinfarkt sterben. So einfach, so klar.

Die Heilwirkung von Alkohol konnte tatsächlich nie wirklich bewiesen werden, die Wirkung als Prophylaxe ist hingegen mehrfach wissenschaftlich belegt.

Schon Hippokrates, der Vater aller Ärzte, rühmte verdünnten Wein zur Behandlung von Kopfschmerzen, Verdauungs-Störungen und Ischias-Schmerzen. Julius Caesar verschrieb seinen Soldaten eine tägliche Ration Wein, nicht nur um ihren Kampfesmut zu stärken, sondern auch, um sie vor Darminfektionen zu bewahren. Die Heilwirkung von Alkohol konnte tatsächlich nie wirklich bewiesen werden, die Wirkung als Prophylaxe ist hingegen mehrfach wissenschaftlich belegt. Aber das gilt auch für Aspirin. Irgendwie.

In vielen Kulturen wurde Alkohol zu einem wichtigen Nahrungsmittel, das in Verbindung mit Göttlichem stand und Mittel war, um sich in religiöse Trance zu trinken. Die Germanen wie die Mayas tranken Met, den sie mit haluzinogenen Kräutern und Gewürzen anreicherten. Nicht wegen des Geschmacks, sondern zur Stärkung, als Heilmittel oder Aphrodisiakum. Bier war in kälteren Regionen Nordeuropas das gängige alkoholische Getränk und da es nicht lange haltbar war, wurden Ochsengalle oder Bilsenkraut zugegeben. Klingt grässlich, war es auch.

Im alten Rom wurde die Herstellung von Wein perfektioniert. Es wurden Gesetze über Zusatzstoffe erlassen und Lehrbücher geschrieben. Im Norden kam man durch Experimente zur Erkenntnis, dass Hopfen Bier länger haltbar macht. Der dadurch entstandene bittere Geschmack schien nebensächlich zu sein. Es ging rein um die Haltbarkeit. Das erinnert an manches Verfahren aus der heutigen Lebensmittelindustrie. Da geht es auch nicht um den Geschmack.

Im Mittelalter wurde gesoffen was das Zeug hält. Und zwar aus Hygienegründen, weil das Wasser unsauber war. Auch Kinder bekamen eine anständige Menge Bier. Gegen Ende des Mittelalters trank man in deutschen Städten 1-4 Liter pro Tag! Da die Leute aber ohnehin nicht älter als 35 Jahre wurden, war das Saufen egal.

Im 11. Jahrhundert fing man erstmals an Wein zu destillieren. Vor allem aber wurde Gebranntes als Medizin, Parfum oder für Salben verwendet, nicht um es zu trinken. Hochprozentiges wurde heilende Wirkung nachgesagt, da es entspann, wärmt und desinfiziert. Vor allem in Klöstern begann man im Mittelalter, eine Vielzahl an Lebenselixieren herzustellen. Dem Aqua Vitae wurden Kräuter und Gewürze beigemischt und der Alkohol löste die heilenden Stoffe der Pflanzen. Vertrieben wurde Branntwein in Apotheken. Auch Grappa war ursprünglich Medizin. Und ehrlich: Er schmeckt immer noch danach.

Dieser Artikel ist in der ersten, bereits vergriffenen Ausgabe von SCHLUCK - "Identität" erschienen. Weitere Ausgaben sind -> hier erhältlich

Über den Autor
Vanessa Gürtler

Vanessa Gürtler

Vanessa ist die erste diplomierte Gastrosophin der Welt. Ein Fach, das sie in Italien studiert hat und bei dem es um alle Aspekte von Essen geht, anthropologische, mikrobielle und kulturelle. Weil ihre Mama ein großer Hildegard-von-Bingen-Fan ist und Hildegard gesagt hat, dass Dinkel ein Frohmacher ist, hat sie beschlossen, das noch zu potenzieren und Dinkel mit Wodka zu kombinieren. Und dabei ist „Wodka Wanessa" rausgekommen, ihre eigene frohmachende Wodkamarke. Sie weiß also nicht nur, was gut ist, sondern auch, wie man damit Geld verdienen kann.

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